In Hersbruck lebe ich als Christ in einer Minderheit. Die Ansichten und Lebensansätze meiner Mitmenschen unterscheiden sich von meinen. Und Gott scheint mir dabei manchmal wie verborgen. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Ziehe ich mich zurück? Passe ich mich an? Protestiere ich? Kritisiere ich? Und: Gott, wo bist Du in all dem? Diesen Fragen möchte ich mit Dir in einer neuen Predigtreihe über das Bibelbuch „Esther“ nachgehen. Dieses Buch scheint im übertragenen Sinn unsere Zeit zu kennen: Juden stellten eine religiöse Minderheit in Persien dar. Sie lebten unfreiwillig in einer Gesellschaft, die von religiösen und moralischen Werten dominiert war, die sich stark von ihren eigenen unterschieden.
Die Juden selbst waren die Außenseiter und sollten sich anpassen. In der Vergangenheit, als Gottes Volk in solchen Schwierigkeiten war, hat Gott Zeichen und Wunder gewirkt. In dieser Zeit scheint Er jedoch völlig abwesend zu sein. Im Buch Esther wird Er nicht einmal erwähnt – keine Wunder, kein Traum, keine Prophezeiung, kein Gebet. Beim Lesen des Buches wirst Du Dich fragen: Gott, wo bist Du? Ist Deine Nichterwähnung ein Versehen? Oder könnte es der wichtigste Punkt sein?
Dann kommt der gewaltige AHA-Moment. Wenn Du die Erzählung einmal ganz gelesen hast und sie ein zweites Mal aufschlägst, wirst Du staunen: Der scheinbar verborgene Gott ist plötzlich überall. In jeder Szene. In jeder Wendung. In jedem „Zufall“. Du erkennst, wie Er die Geschichte der Menschheit lenkt – „nicht durch sein wundersames Eingreifen“, wie meine ehemalige Professorin Karen Jobes schreibt, „sondern durch ganz gewöhnliche Ereignisse.“
Missliche Umstände und scheinbare „Zufälle“ dienen dem großen Ziel der Rettung. Hier ein paar Dinge, die Gott für sein Ziel gebraucht: Einen betrunkenen und irren König, eine #MeToo-Debatte, ein junges Topmodel, ein zufällig mitgehörter Plan und eine schlaflose Nacht. Dinge, die so profan erscheinen. Gott gebraucht es. Dabei wird Gott nicht von Äußerlichkeiten geblendet. Er webt hinter der Fassade souverän seine Geschichte. Die Ironie der Sache ist, dass Gott sich eben nicht um Oberflächliches und Äußerlichkeiten kümmert, wir aber schon. Das war schon in Esthers Tagen so.
Vieles aus der Erzählung wird Dich an unsere Tage erinnern. Das Thema Machtmissbrauch und Geschlechterkampf spielen eine große Rolle. Männer werden nach ihrem Reichtum, dem beruflichen Erfolg und ihrer Macht gemessen, Frauen nach ihrer Schönheit und Sexualität. Die Größe von Geldbeutel und Garderobe waren entscheidend. Das wird sehr konkret in den Hauptakteuren: Esther ist zunächst das junge, fügsame und ängstliche Mädchen, das seine Schönheit zur Schau stellt, aber seinen Glauben erst verbirgt – ein krasser Kontrast zu der Esther, die Du am Ende des Buches sehen wirst.
Es hat sich nicht viel geändert, oder? Deine Kultur sagt Dir, dass das, was Du hast – Geld, Schönheit, Beruf, Macht – wichtiger ist als das, was Du bist. Übernimmst Du diese Haltung, wirst Du Gottes tägliche Treue verpassen. Als Christ wirst Du dann nur nach außergewöhnlichen Wundern suchen, doch die allzu gewöhnliche Führung Gottes im Alltäglichen wird Dir verborgen bleiben.
Wenn Du heute Gottes Wirken in politischen Entscheidungen, gesellschaftlichen Veränderungen rund um die Welt oder in deinem privaten Umfeld nicht sehen kannst, ziehe bitte nicht den Schluss, dass Gott nicht wirken würde. Sein Schweigen ist keine Abwesenheit, seine Verborgenheit ist kein Verlassenwerden. Die Erzählung von Esther zeigt eine Umkehrung des Erwarteten. Was unvermeidlich wirkt, passiert nicht. Wer mächtig erscheint, ist es nicht. Der Schein trügt. Die Erzählung strotzt am Ende voller Ironie, Satire und Humor. Die Macht der Mächtigen ist ein Witz im Vergleich zu Gottes Macht.
Das Buch atmet dabei in jeder Zeile das Evangelium. Natürlich! Alles spricht von Jesus. Das zu entdecken ist atemberaubend und motiviert mich. Es lässt mich Gott vertrauen, selbst wenn Er in meiner Stadt verborgen scheint.
Es lässt mich meinen Glauben bekennen, selbst wenn ich damit der Einzige wäre. Dieses Evangelium lässt mich wissen, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Was manchmal verloren wirkt, darf ich hoffnungsvoll betrachten. Für das Unvermeidliche darf ich Gottes Wirken erwarten. Unter der Oberfläche, hinter selbst anscheinend unbedeutenden menschlichen Entscheidungen und Ereignisse wirkt eine unsichtbare und unkontrollierbare Kraft, die weder erklärt noch vereitelt werden kann: Jesus Christus. Und Er wirkt alle Dinge, denen zum Besten, die Ihn lieben.
Hoffnungsvolle Grüße

Daniel Pfeifer
Gemeindereferent
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